Verantwortung in der Lieferkette. Was heißt das konkret?

Interview mit Dr. Klaus Mayer, bei der REWE Group verantwortlich für Qualitätsmanagement, Risikomanagement und Grüne Produkte

Was bedeutet „Verantwortung in der Lieferkette“ für ein Handelsunternehmen, das sich der Nachhaltigkeit verpflichtet hat?

Mayer: Wir wollen nicht irgendwelche Waren kaufen und billig vermarkten, sondern wählen unsere Lieferanten sehr bewusst aus. Sie müssen nachweisen können, dass sie einem Nachhaltigkeits­anspruch folgen. Wir sprechen mit ihnen dann über sogenannte Hot Spots, also ökologisch oder sozial kritische Punkte in der Lieferkette, und fragen, ob sie diese auflösen können.

Für unsere PRO PLANET-Produkte setzen wir das schon konsequent um und waren beispielsweise federführend im Bereich Hähnchenhaltung. Damit haben wir Standards gesetzt, auf die heute die ganze Branche zurückgreift. Aktuell unterstützen wir beispielsweise Projekte, die auf das bislang übliche Kürzen der Schnäbel von Legehennen verzichten – ein schmerzhafter Eingriff, der in der Massen­tierhaltung aber fast notwendig ist. Hier sind wir wieder Vorreiter, sehen aber jetzt schon, dass der Wettbewerb nachzieht.

Qualität, Sozialstandards in der Produktion, Tierwohl – die Anforderungen sind vielfältig. Welchen Einfluss hat ein Handelsunternehmen?

Mayer: Bei unseren Eigenmarken steigen wir tief in die Lieferkette ein. Zunächst über intensive Gespräche mit den Lieferanten, dann über Verträge, Spezifikationen, separate Abmachungen oder Exklusivvereinbarungen. Nehmen Sie beispielsweise die Marburger Molkerei, deren Volumen zu 70 Prozent exklusiv in unsere Lieferkette geht. Dort gibt es ganz spezielle Anforderungen an die Fütterung der Tiere, und wir bezahlen dafür einen höheren Einkaufspreis.

Im Aufbau solcher Kooperationen zur Vertikalisierung der Wertschöpfungskette sehen wir uns als Vorreiter. Das heißt, einen Schritt tiefer zu gehen und nicht nur nach Preis, Angebot und Qualitätsspezifikationen einzukaufen. Klare Grenzen haben wir allerdings beim Einfluss auf die Markenhersteller.

Wie lassen sich Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit in Lieferketten verändern? Welche Rolle spielen Brancheninitiativen?

Mayer: Jede gesetzliche Regelung, die gleiche Grundbedingungen für alle herstellt, ist natürlich hilfreich. Aber darauf warten kann man nicht. Unsere Spezialisten arbeiten in vielen Fachgremien und Organisationen zur Weiterent­wicklung von Nachhaltigkeitsstandards mit, beispielsweise in der Initiative Tierwohl, für die wir uns massiv engagieren.

Wir sehen uns als Motor für Branchenlösungen und spielen auch als Mitbegründer des Palmöl-Forums oder des Kakao-Forums eine treibende Rolle. Um Veränderungen auf politischer Ebene zu bewirken, stehen wir in gutem Kontakt zu Nichtregierungsorganisationen, die vor allem international einen gewissen Druck entwickeln können.

Globale Lieferketten sind komplex – je mehr Lieferanten, desto schwieriger die Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion. Wie gehen Sie damit um?

Mayer: Das ist eine besondere Herausforderung. Wir haben beispielsweise rund 250 „eierhaltige“ Artikel umgestellt auf Eier, die nicht aus Käfighaltung stammen. Damit waren wir das erste Handelsunternehmen, das bei seinen Eigenmarken auf Käfigeier verzichtet. Ähnlich lief es bei mehr als 300 Artikeln, die Palmöl enthalten und inzwischen auf nachhaltigerer Rohware basieren. Bei einer Tiefkühlpizza mit 32 Inhaltsstoffen von 32 Herstellern sind wir allerdings noch etwas überfordert.

Bei solchen Produkten mit komplexen Lieferketten wird der Prozess über mehrere Jahre gehen. Zumal wir ja die Lieferstrukturen nicht kaputt machen, sondern dabei helfen wollen, dass die Produktion nachhaltiger wird. Grundbedingungen wie Einhaltung der lokalen Arbeitsgesetze gelten natürlich schon heute. Wo wir wissen, dass diese gefährdet sind, sind wir auch sehr reserviert. 

Für Konsumenten wird Nachhaltigkeit immer wichtiger. Sind sie damit ein Verbündeter für Ihr Engagement?

Mayer: Wir selbst fragen uns bei jedem Projekt, was wir als Konsumenten, die wir ja auch sind, erwarten würden, wenn wir das Produkt eines Unternehmens kaufen, das sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Anfangs mag die dadurch beschriebene Erwartungs­haltung noch etwas diffus sein, aber im Projektverlauf konkretisiert sie sich dann rasch und gibt uns Gewissheit: Ja, das müssen wir bearbeiten, hier sind vielleicht Missstände, das müssen wir prüfen …

Das ist die eine Seite, die andere heißt aber auch immer noch „Preis“: Nachhaltiger sollen die Produkte zwar sein, aber bitte nicht teurer. Wenn man jedoch echte Standards anlegt und einhält, geht das nicht zum „billigsten“ Preis. Dieses Verständnis muss sich noch entwickeln. Doch ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeit Teil eines erweiterten Qualitätsbegriffs wird. Und Qualität hat ihren Preis.